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Wir unterstützen kleine und mittlere Unternehmen mit europäischem und internationalem Fokus.

Wie nachhaltig ist unser Unternehmen

Diese Frage hat sich Anna Yona, Geschäftsführerin und Gründerin von Wildling Shoes, schon oft gestellt. Die Antworten finden Sie im  folgenden Interview mit NRW.Europa 

Andrea Dohle: Herzlichen Dank, liebe Anna Yona, dass Du bereit bist, heute mit mir dieses Interview zum Thema Nachhaltigkeit und Nachhaltigkeitszertifizierung zu führen. Wir kennen uns, seit sich Euer Unternehmen im Jahr 2018 an unserem NRW.Europa-Internationalisierungs-Wettbewerb beteiligt hat. Aber vielleicht stellst Du Dich erst einmal kurz selbst vor. Damit unsere Leser etwas über Euer Unternehmen erfahren und in welchem Bereich Ihr tätig seid.

Anna Yona, Wildling Shoes:
Ich habe 2015 zusammen mit meinem Mann Wildling Shoes gegründet. Wir machen Minimalschuhe - fair produzierte Schuhe aus nachhaltigen Materialien, mit denen man ein ganz natürliches Laufgefühl genießen kann - fast wie barfuß. Gestartet sind wir mit der Idee, um gesündere Schuhe für unsere eigenen Kinder zu entwickeln. Mittlerweile ist aus Wildling aber eine Marke für die ganze Familie geworden, vom ersten Schritt in Größe 18 bis Größe 48.


 

#Nachhaltigkeit als Antrieb

Andrea Dohle:

Anna, als wir uns das erste Mal in Deinem kleinen Büro in Gummersbach getroffen haben, hat mich besonders beeindruckt wie sehr Euer Unternehmen Wildling Shoes geprägt ist von Eurem nachhaltigen Denken und der Wertschätzung, die Ihr der Natur und den natürlichen Produkten entgegenbringt. Deshalb interessiert mich heute, von Dir zu erfahren, auf welche Bereiche Eures Unternehmens hat das Thema Nachhaltigkeit Einfluss?

Anna Yona, Wildling Shoes:
Nachhaltigkeit umfasst ökologische, ökonomische und soziale Aspekte, und dennoch ist es etwas kurz gedacht. Wenn man sich die großen Herausforderungen dieser Generation - Klimawandel und soziale Ungerechtigkeit - zu Herzen nimmt, kommt man schnell zu dem Schluss, dass es nicht ausreicht, den Status Quo zu erhalten. Stattdessen müssen wir auf allen Ebenen regenerativ agieren und wirtschaften. Das ist keine kleine Aufgabe. Für Wildling bedeutet das konkret, dass wir alle Bereiche der Wertschöpfungskette, aber auch unsere Kommunikation, unsere Unternehmenskultur, den Tech-Bereich und vor allem die Finanzen genau unter die Lupe nehmen und Stück für Stück verändern müssen.

Am Beispiel der Wertschöpfungskette erstellen wir für jeden Schritt Konzepte, die einen positiven Impact hinterlassen. Bis 2025 wollen wir eine regenerative Wertschöpfungskette umsetzt haben - beginnend mit dem Anbau unserer Rohstoffe nach syntropischen Methoden, über Konzepte für ganzheitlichere Arbeitsmodelle und Umweltstandards bei unseren Produktionspartnern, über Reparaturangebote zur Verlängerung der Produktlebensdauer, bis zum Recycling (neue Wertstoffe für die Schuhproduktion) oder Kompostieren (Humus für unsere Anbausysteme) der Schuhkomponenten. Damit schließt sich der Kreis.

Natürlich entstehen in der Produktion trotzdem negative Einflüsse (z.B. durch Transport und Lagerung). Diese müssen so weit wie möglich reduziert und der Rest kompensiert werden. Da entlang der Wertschöpfungskette aber zusätzliche Vorteile entstehen - Zukunftsperspektiven für ländliche Gegenden, mehr Bodenqualität und CO2-Bindung, sinnhaftere und gesündere Arbeitsplätze in der Produktion, mehr alternative Energiequellen, ein besseres Kundschaftserlebnis, etc., werden wir unter dem Strich eine positive Bilanz ziehen können.

 

#EUGreen-Deal und Nachhaltigkeitsziele der EU

Andrea Dohle:
Mit dem #GreenDeal hat die Europäische Kommission sich das Ziel gesetzt, bis 2050 Europa zu  einem klimaneutralen Kontinent zu machen. Damit ist die Anforderung für die Wirtschaft verbunden, auf Nachhaltige Produkte und Circular Economy umzustellen. Die Forderungen der EU-Taxonomie werden Auswirkungen auf die Einstufung von Unternehmen haben und erfordern ein Umdenken. Denkst Du, dass sich die, auf Nachhaltigkeit ausgerichtete, Unternehmensstrategie von Wildling Shoes positiv auf Eure Wettbewerbsfähigkeit auswirkt und was kannst Du anderen Unternehmen raten, die noch am Anfang dieses Weges stehen?

Anna Yona, Wildling Shoes:
Ich bin davon überzeugt, dass sich unsere Unternehmensstrategie und Wildlings Purpose schon allein auf unsere Kundschaftsbeziehungen sehr positiv auswirkt. Vor allem die jetzt heranwachsende Generation (aber auch deren Eltern), lassen sich nicht mehr so schnell von grünen Unternehmensversprechen blenden, hinter denen keine echte Haltung steht. Tatsächlich gelebte unternehmerische Verantwortung wird am Markt künftig noch stärker über Kaufverhalten und Kundschaftsbindung entscheiden.

Bislang hat Wildling auf eigene Kosten verantwortungsvoll gehandelt. Die Umsetzung einer wirklich nachhaltigen und fairen Wertschöpfungskette, die Übernahme von Verantwortung gegenüber dem Team, der Aufbau ehrlicher Beziehungen zu Kundschaft und Partner_innen bedarf vieler interner Ressourcen. Dennoch lohnt es sich für uns - schon allein deshalb, weil es sich richtig anfühlt. Sollte ein entsprechendes Handeln zukünftig auch steuerliche Vorteile bieten, wird uns das helfen, unser Engagement weiter zu verstärken.

 

 

#Nachhaltigkeit nach außen kommunizieren

Andrea Dohle:
Wie wichtig ist für Wildling Shoes, das Thema Nachhaltigkeit nach außen und an Eure Kunden zu kommunizieren? Welche Rolle spielen Fragen von Nachhaltigkeit in Eurer Kunden-Community und welchen Einfluss hat das auch auf das Arbeiten und Wirken im Unternehmen? Hat es überhaupt einen Einfluss?

Anna Yona, Wildling Shoes:
Die Kommunikation dieser Themen - intern und extern - ist enorm wichtig. Einmal, um tatsächliches Engagement zu belegen und transparent zu agieren, aber auch, um anderen Inspiration zu bieten. Allein werden wir die großen Herausforderungen unserer Zeit nicht lösen - da braucht es radikale Kooperation, auch innerhalb der eigenen Branche.

Auch für das Team ist es enorm wichtig zu wissen, wofür wir das alles tun. Die Sinnfrage geht längst über das Produkt hinaus und bezieht sich auf das Unternehmen als gesellschaftlichen Akteur. Welche Rolle kann Wildling übernehmen? Wie können wir - als Unternehmen und als Team - einen bedeutsamen Beitrag leisten? Die Antworten darauf wirken enorm motivierend für alle Mitarbeitenden und schweißen das Team unter einem gemeinsamen Purpose zusammen.
 

 

#Nachhaltigkeitszertifikate

Andrea Dohle:
Auf dem Markt gibt es aktuell eine Vielzahl von Siegeln und Zertifizierungsangeboten, speziell auch im Bereich der Textilbranche, wie zum Beispiel das Öko-Tex-Siegel. Als Unternehmen habt Ihr Euch aktiv mit der Frage einer Nachhaltigkeits-Zertifizierung auseinander gesetzt. Was waren dabei Eure Beweggründe und wie könnte eine Zertifizierung in diesem Bereich kleine und mittlere Unternehmen sinnvoll sein und worauf sollte man Eurer Meinung nach dabei achten?


Anna Yona, Wildling Shoes:
Der Zertifizierungsdschungel ist - für Unternehmen wie für die Kundschaft - nicht leicht zu durchschauen. Viele Siegel spezialisieren sich auf einen Aspekt und lassen dafür andere außer Acht, es gibt Zertifikate, die für kleinere Unternehmen aufgrund der Kosten nicht erschwinglich sind und andere, die einem wirklich helfen, komplexe Themen ganzheitlich anzugehen.

Wir haben anfangs vor allem sehr intuitiv gehandelt: Haben uns aufgrund der rechtlichen Bestimmungen und der kurzen Distanzen für Europa als Produktionsstandort entschieden, haben Partner:innen basierend auf Sympathien, Transparenz und dem Umgang mit ihren Mitarbeitenden ausgesucht und häufiger auf Zertifikate verzichtet, wenn es sich um kleine, aber sehr wertebasierte Unternehmen gehandelt hat. Das macht auch heute noch Sinn. Uns ist der persönliche Kontakt mit den Lieferant_innen und der dadurch entstehende direkte Einblick in Arbeitsbedingungen und Umweltstandards wichtiger, als ein Stempel auf einem Blatt Papier.

 

Seit einiger Zeit beschäftigen wir uns intern bei Wildling mit der B-Corp-Zertifizierung. Das online zugängliche Assessment bietet einen sehr guten Rahmen und klaren Fahrplan für eine sehr ganzheitlich nachhaltige Unternehmensstrategie, die alle Stakeholder im Blick behält. Die Ressourcen, die in den Abschluss des Assessments geflossen sind, hätten wir zu einem früheren Zeitpunkt nicht bereitstellen können, aber für uns ist jetzt der Moment gekommen, wo wir unser Engagement durch ein striktes Zertifikat auch extern belegen möchten.

 

 

#Future Wildling Activities

Andrea Dohle:
  In der nun schon 1 Jahr andauernden Corona-Situation musste auch Wildling Shoes einige Herausforderungen managen und seine Aktivitäten anpassen. Als Unternehmen, das mit dem Start bereits eine dezentrale Arbeitsstruktur aufgebaut hat, hattet ihr diesbezüglich schon einige Vorteile. Aber mich interessiert heute, wie Ihr diese Schwierigkeiten gemeistert habt und was Euch optimistisch in die Zukunft blicken lässt?

Anna Yona, Wildling Shoes:
In vieler Hinsicht hatten wir es in der Pandemie-Situation einfacher als andere Unternehmen - unser Hauptumsatz wird online erwirtschaftet und unser Team hatte bereits viel Erfahrung in der dezentralen Zusammenarbeit. Das hat uns eine gewisse Stabilität gegeben.

Dennoch hatten (und haben) wir mit einigen Herausforderungen zu kämpfen. Auch wenn unsere Lieferkette zum größten Teil innereuropäisch ist, gab es aufgrund von Lockdowns und Quarantänen immer wieder Probleme mit Lieferungen und Produktion. Die größte Aufgabe war aber das Team über eine so lange Zeit der individuellen Belastung immer wieder aufzufangen. Aufgrund unserer flexiblen Arbeitsweise ist Wildling vor allem unter Eltern ein beliebter Arbeitgeber. Diese hatten durch Kita- und Schulschließungen wochenlang mit gleichzeitigem Homeoffice, Homeschooling und Betreuung zu kämpfen. In der zweiten Welle haben wir gemerkt, dass es so nicht weitergeht und dass Wildling zurückstecken muss, wenn wir unser Team heil durch die Krise bringen wollen. Wir haben gemeinsam diskutiert, welche Unternehmensziele hinten angestellt werden können, wie sich die Arbeit anders im Team verteilen lässt und haben dann allen angeboten, bei gleichem Gehalt auf 75% Arbeitszeit zu reduzieren, um den zusätzlichen Aufgaben in der Familie nachkommen zu können. Zusätzlich haben wir versucht durch virtuelle Sportangebote, bezahlte Kinderbetreuung und mehr virtuellen sozialen Austausch im Team mehr Resilienz zu schaffen.

Wir sind noch nicht durch, aber wir sind auf dem besten Weg als junges Unternehmen unsere erste große Krise gemeistert zu haben. Das, zusammen mit den großen Zielen, die wir uns im Nachhaltigkeitsbereich gesteckt haben, lässt mich optimistisch und voller Vorfreude auf das blicken, was da noch kommen wird.
 

#Nachhaltigkeits-Check mit dem EEN

Sie wollen einmal testen, wie Ihr Unternehmen in puncto Nachhaltigkeit und in Fragen der Kreislaufwirtschaft aufgestellt ist? 

Als Experten im Enterprise Europe Network unterstützen wir Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen auf Ihrem Weg zu einer nachhaltigen Unternehmensstrategie und zur Förderung von Maßnahmen im Bereich der zirkulären Wertschöpfung, aber auch bei Digitalisierungs-Vorhaben, die ebenfalls positive Effekte auf die Nachhaltigkeit von Unternehmen haben können.

Ihren regionalen Ansprechpartner können Sie hier finden: https://een-deutschland.de/

 

Kontakt:

Andrea Dohle
ZENIT GmbH / NRW.Europa
www.zenit.de

Anna Yona
Wildling Shoes
www.wildling.shoes

 

Über Anna Yona, Wildling Shoes

#Barfußschuhe
#WomenEntrepreneur
#Nachhaltigkeit

Anna und Ran Yona gründeten das Unternehmen Wildling Shoes im Jahr 2015. Nach ihrem Studium der Nahost-Studien und der englischen Literaturwissenschaft an der Tel Aviv University, Stationen im Marketing sowie als freie Übersetzerin und Journalistin fand sie dank Ran ihren Lebensmittelpunkt zunächst in Israel. Ihre drei Kinder wuchsen dort barfuß auf, bevor die Familie 2013 nach Deutschland zog. Die größte Herausforderung hier: Passende Schuhe für die barfuß laufenden Kinder zu finden. Kein Modell schien den Ansprüchen an Bewegungsfreiheit, nachhaltigen Materialien und fairer Produktion zu genügen. So war schnell die Idee von Wildling Shoes geboren.

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